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Bestattungsfragen 1. Kapitel

 

Elfriede ließ vor Schreck die Rechnung aus der Hand fallen. Das Geräusch klang, als würde jemand durch eine rostige Gießkanne Luft einsaugen. Mühsam und um sein Leben ringend. Und ganz in ihrer Nähe. Erschrocken schaute sie unter den Schreibtisch. Hugo lag auf der Seite, seine Rippen unter dem schwarz-braunen Fell hoben und senkten sich bedrohlich. »Du liebe Güte«, dachte Elfriede, »können sich Hunde auch erkälten? Und das mitten im Sommer?« Das Tier keuchte zum Gotterbarmen. Sie stopfte die Rechnungen zurück in die Schublade und beugte sich zu dem Hund hinunter. Was fehlte ihm bloß? Hugo sah sie aus seinen braunen Augen leidend an. Elfriedes Herz schmolz. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick gewesen. Als Oliver den kurzbeinigen Sennenhund nach Hause brachte, hatte Elfriede es entschieden abgelehnt, ihm Asyl zu gewähren. Eine Detektivin war schließlich viel unterwegs und gerade erst hatte sie sich ein kleines Büro in der Hofheimer Altstadt eingerichtet, mit schicken Möbeln und einem neuen weißen Teppichboden. »Es ist doch nur für sechs Wochen, Mama«, hatte ihr Sohn gebettelt, »nur solange Leander in den Sommerferien in Kur ist.« »Nein! Kann der Hund nicht in eine Tierpension?« »Er braucht Menschen um sich. Leanders Mutter muss den ganzen Tag im Supermarkt arbeiten und den Vater sieht er kaum. Das Futter hat Leander mir gleich mitgegeben«, versuchte Oliver Einwände finanzieller Art zu entkräften. »Und ich geh auch jeden Tag mit ihm spazieren.« »Ich glaub dir kein Wort!«
Es war wieder mal Tante Ingeborg, die mit einem »Meinst du nicht, es könnte ihm guttun«-Blick der Situation eine Wende gegeben hatte. Der Junge hat es nicht leicht, schien dieser Blick zu sagen, jetzt, wo seine kleine Schwester auf der Welt ist. Gönn ihm doch das bisschen Freude! Nun, es kam, wie Elfriede es vorausgesehen hatte. Der Nach- wuchs ihres Ex-Mannes mit seiner neuen Lebensgefährtin änderte nichts daran, dass alle Hundespaziergänge an ihr hängenblieben. Wie durch ein Wunder waren sowohl Oliver als auch Tante Ingeborg stets verschwunden, wenn die Zeit zum Gassigehen gekommen war. Hugo hechelte sie morgens mit schlechtem Atem wach, begleitete sie in ihr kleines Büro und schlief nachts auf dem Teppich vor ihrem Bett. Als das Tier letzte Woche mit einer seiner Krallen an einem Maschendrahtzaun hängengeblieben war und blutete, war Elfriede mit ihm in die benachbarte Tierklinik gefah ren. Für das Säubern der Wunde und den Verband hatte sie samt Wochenendzuschlag ein halbes Vermögen bezahlt, weswegen sie beschloss, um diese Einrichtung künftig einen großen Bogen zu machen. Und jetzt hatte der Hund Schnupfen – wer weiß, vielleicht kämen diese Nobel-Veterinäre auf die Idee, ihn in ein Sanatorium nach Davos zu schicken. Erkältung hin oder her, diesmal musste das Tier ihrem Geld- beutel zuliebe auf teure ärztliche Hilfe verzichten. Vielleicht gab es ein Hausmittel? Als hätte Hugo ihre Gedanken gelesen, rappelte er sich mühsam auf. Elfriede tätschelte ihm beruhigend die Schnauze. »Irgendwas müssen wir unternehmen«, grübelte sie. Dann griff sie entschlossen zur Leine.

Mit einer Kurzgeschichte von Kerstin Klamroth

Schulsachen

Elfriedes erster Fall

 

erschienen

im Sutton Verlag

auch als E-Book erhältlich