Aydin/ Klamroth

Elfriedes erster Fall

Auszüge

 

 

...

Mit vorsichtigen und unsicheren Schritten betrat er das Baugelände, sich sehr wohl der Verbotstafel bewusst.

„Hunde können eben nicht lesen“, murmelte er und kletterte umständlich über einen niedrigen Schotterhaufen.

Was Hunde sehr wohl konnten, entdeckte Herbert Schrei eine Sekunde später.

Hunde konnten einen jungen, toten Mann entdecken.

Einen leblosen, auf dem Bauch liegenden Körper, die Arme seitlich vorgestreckt, als solle es noch vorwärts gehen, völlig unversehrt bis auf eine klaffende Wunde im Hinterkopf, die, wie aufgeplatzt, den Blick frei gab auf Knochensplitter, Gehirnmasse und Unmengen getrockneten Blutes.

Es gibt sicher idyllischere Orte, um zu sterben, dachte Hermann Schrei.

Im nächsten Moment kämpfte er mit einer heftigen Würgeattacke und fragte sich, ob es überhaupt idyllische Orte zum Sterben gab ...

 

 

...

Das Emo-Mädchen schob sich ein Stück vor, so dass sie Elfriede direkt gegenüber stand.

„Ich höre immer reden“, sagte sie verächtlich, „reden, reden – der Kerl wandert in den Knast und gut ist. Vom Reden hat sich noch nie was geändert, gell Sandy?“

Sie warf dem pummeligen Jungen einen vielsagenden Blick zu.

„Lass gut sein, Sophie“, sagte der und ging zur Tür. „Ich muss jetzt mal wieder abliegen. Mein Kopf brummt.“

Elfriede stellte sich ihm in den Weg.

„Habt ihr etwas mit dem Mord an Alexander zu tun?“ fragte sie mit schneidender Stimme.

Sophie brach in Gelächter aus. „So sieht also ihre Wahrheit aus“, bemerkte sie bitter. „Täter-Opfer-Umkehrung. Sehr lecker.“

Sie baute sich drohend vor Elfriede auf und die Spitzen ihres Stachelhalsbandes zeigten genau auf deren Kehlkopf.

„Verschwinden Sie hier. Solange Sie für den Arsch arbeiten, werden Sie von uns sowieso kein Wort erfahren.“

 

 

...

Sie hetzte über den Platz, die Reisetasche hinter sich her schleppend. Hinter der Tür ließ sie das schwere Ding einfach fallen. Einen Moment lang war sie irritiert von der Dunkelheit und Stille, die sie in der Kirche empfing und musste sich erst orientieren. Vorn in der Apsis breitete der lichtumstrahlte Jesus seine Arme aus. Zwischen den dicken Säulen schlenderten Touristen, um die Mosaike und Bilder zu bewundern. Die Kirche war unübersichtlich. Wo zündete man die Kerzen für Verstorbene an? Offensichtlich überall! In jeder Seitenkapelle schimmerten die Teelichter. Und davor saßen oder standen Leute, die sich an ihre Verstorbenen erinnerten, die Hände gefaltet, die Köpfe gesenkt. Elfriede ging ganz nah an den Menschen vorbei, musterte die Gesichter, die tränenfeuchten Augen und kam sich schäbig vor. Als wäre sie in ein Zimmer eingedrungen, zu dem sie keinen Zutritt haben dürfte.

Wenn sie nur nicht zu spät kam!

Schnellen Schrittes  lief sie die Seitenschiffe ab und zog sich den Zorn eines Franziskaners zu, der sie am Ärmel festhielt:

„Madame, c´est une eglise s´íl vous plait!

„Pardon!“ Elfriede setzte ihr Büßergesicht auf. „I must find a person. It´s urgent!“

 

 

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Mit einer Kurzgeschichte von Kerstin Klamroth

Schulsachen

Elfriedes erster Fall

 

erschienen

im Sutton Verlag

auch als E-Book erhältlich